Gesundheit: Fass ohne Boden oder schrankenloser Markt? Mein Begrüßungsstatement beim „Gesundheitsgipfel“

 

Im folgenden Panel geht es um die Frage: „Gesundheit: Fass ohne Boden oder schrankenloser Markt? Können Sozialstaaten Gesundheitssysteme noch finanzieren?“ – Eine Frage, die nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung von Bedeutung ist und bleiben wird. Denn bekanntlich wächst unsere Gesellschaft, wir werden immer älter, und im Alter steigt der Bedarf an Behandlung und Pflege. Will man also das Niveau unserer Gesundheitsversorgung auch in Zukunft erhalten, werden die Kosten steigen. Um es vorweg zu nehmen: Ich halte das grundsätzlich für kein Problem, weil diesen steigenden Ausgaben schließlich Gesundheits- und Wirtschaftsleistungen gegenüberstehen. Es handelt sich dabei in erster Linie um sinnvolle Investitionen in den Gesundheitszustand der Bevölkerung, aber auch in einen boomenden Gesundheitsmarkt mit vielen Arbeitsplätzen.

Aus Sicht des Arztes, der Ärztin ist die Antwort auf diese Frage, ob Sozialstaaten Gesundheitssysteme noch finanzieren können und sollen, sehr eindeutig: Unser solidarisches Gesundheitssystem ist eine große historische Errungenschaft, die es zu bewahren gilt. Die Vorstellung, dass Menschen, die von einer Therapie profitieren würden, diese aus finanziellen Motiven vorenthalten wird, ist aus medizinischer und humanitärer Sicht inakzeptabel.

Gesundheit darf natürlich in einer modernen Wohlstandsgesellschaft etwas kosten

Und Gesundheit darf natürlich in einer modernen Wohlstandsgesellschaft etwas kosten. Den Vormarsch der Ökonomie in der Gesundheitsversorgung beobachte nicht nur ich mit großer Sorge. Die Perspektive, dass eines Tages Betriebswirte und Controller uns Ärztinnen und Ärzten vorscheiben, wie wir unsere Patientinnen und Patienten zu behandeln haben, erfüllt mich mit ausgeprägtem Unbehagen. Derzeit bietet die ärztliche Freiberuflichkeit einen gewissen Schutz vor solchen problematischen Tendenzen. Aber diese Freiberuflichkeit ist in Österreich und in der EU nicht zuletzt durch die Kontroll- und Interventionsneigungen der Politik und die Begehrlichkeiten privater Gesundheitskonzerne und Investoren bedroht.

Unsere Freiberuflichkeit mit größter Konsequenz verteidigen

Im Interesse von Ärzten und Patienten sehe ich es als Ärztevertreter als prioritäre Pflicht, unsere Freiberuflichkeit mit größter Konsequenz zu verteidigen. Und ich appelliere auch an die künftige Regierung, diese Sichtweise zu teilen.

Dazu gehört auch, jenen Tedenzen einen Riegel vorzuschieben, die ein Gesundheitssystem in erster Linie als Exerzierfeld für Sparmaßnahmen sehen. Zahlreiche Studien zeigen, dass starke Einsparungen bei den Gesundheitsausgaben und tiefe Einschnitte bei den Gesundheitsleistungen – gerade in Zeiten, die von vielen Menschen als bedrohlich, weil von großen Veränderungen geprägt, gesehen werden – auf den Gesundheitszustand der Menschen negative Auswirkungen haben. Ganz besonders gilt das für Patienten mit chronischen Erkrankungen.

Wir brauchen nicht weniger, sondern deutlich mehr Geld für Gesundheitsleistungen

Solche Sparmaßnahmen sind aus meiner Sicht rigoros abzulehnen. Wir brauchen nicht weniger, sondern deutlich mehr Geld für Gesundheitsleistungen. Wünschenswert sind hier gezielte Wachstumsimpulse statt Sparbudgets sowie eine intensive Diskussion mit Gesundheitspolitikern und -experten, um geeignete Maßnahmen zu fördern. Diesem Zweck dient auch unser heutiger Gesundheitsgipfel.

Medizinische Orientierung und wirtschaftliches Verantwortungsbewusstsein sind keine Gegensätze. Voraussetzung ist allerdings, dass Sparwille oder Gewinnmaximierung nicht Vorrang haben dürfen vor ärztlich gut begründeten Entscheidungen. Wertschöpfung muss einhergehen mit der Wertschätzung von Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzten.

Einzig gültiger Maßstab ist der tatsächliche Bedarf der Bevölkerung

Ein wohlhabendes Land wie Österreich kann sich eine Gesundheitsversorgung leisten, für die es nur einen gültigen Maßstab geben kann: den tatsächlichen Bedarf der Bevölkerung.

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