WHO-Weltgesundheitstag 2018: Eine flächendeckende Gesundheitsversorgung werden wir auch in Österreich nicht geschenkt bekommen

 

Mit dem Weltgesundheitstag 2018 zum Thema „Universal Health Coverage“ macht die WHO auf den hohen Stellenwert einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung aufmerksam. Ihr Appell: Jeder Mensch soll Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch nehmen können, und zwar unabhängig Wohnort und ohne dabei in eine finanzielle Notlage zu geraten.

Wie aus einem gemeinsamen Bericht der WHO und der Weltbank hervorgeht, hat mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung keinen umfassenden Zugang zu essenziellen Gesundheitsdienstleistungen. Außerdem würden jedes Jahr zahlreiche Haushalte durch notwendige gesundheitsbezogene Ausgaben in die Armut abgedrängt.

Aus meiner Sicht ist eine möglichst hochwertige flächendeckende Gesundheitsversorgung für alle Menschen, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen und finanziellen Status, ein medizinisches und ethisches Muss. Wo das nicht Realität ist, muss dieses Ziel politisch angestrebt werden. Es gibt heute Diagnosen und Therapien auf höchstem Niveau, und es geht darum, dass möglichst viele Menschen in aller Welt davon profitieren können.

Natürlich ist das auch in Österreich im Wesentlichen politischer und gesellschaftlicher Konsens, aber ist das auch die Versorgungs-Realität? Aus meinen tagtäglichen Beobachtungen und aus zahlreichen Analysen weiß ich, dass wir uns hierzulande von diesem angestrebten Zustand tendenziell eher entfernen, als ihn weiter zu optimieren. Natürlich befinden wir uns in Österreich in einer Gesundheitsversorgungs-Situation, um die uns die Bevölkerung in großen Teilen der Welt beneidet, und das aus gutem Grund. Doch darf das kein Motiv für Selbstzufriedenheit sein, denn die soziale Medizin ist auch bei uns bedroht und perspektivisch gefährdet: Stichworte sind hier der sich verschärfende Ärztemangel, zu wenig ärztlicher Nachwuchs, Personalknappheit in Krankenhäusern, zum Teil völlig unzumutbar lange Wartezeiten auf Untersuchungs- und Behandlungstermine, zunehmendes Desinteresse von Ärzten an einem Kassenvertrag und deshalb immer weniger Kassenärzte.

Diese Entwicklung müssen nicht nur wir Ärztevertreter im Auge behalten, vor Defiziten warnen, diese ansprechen sobald sie sich bemerkbar machen, und konsequent gegensteuern.

Wer sich eine private Medizin nicht leisten kann, spürt die Auswirkungen der aktuellen negativen Entwicklungen oft schon jetzt am eigenen Leib, und aus heutiger Sicht wird sich dieser Zustand verschärfen. Nach seriösen wissenschaftlichen Berechnungen werden in Europa schon in ein paar Jahren eine Million „Gesundheitsdiensleister“ – also Ärzte, Pflegepersonen, etc. – fehlen. Für Ersatz zu sorgen wäre eine Aufgabe der Politik, doch sehe ich keine Lösungsansätze.

Bei der Gesundheit zu sparen, gilt in der österreichischen Politik offenbar weithin als Tugend – die Kassen geraten geradezu in einen Freudentaumel, wenn sie von unserem Versichertengeld einmal weniger ausgeben als ursprünglich vorgesehen, und die Gesundheitspolitik schwärmte früher jahrelang von einem „Kostendämpfungspfad“. Hier brauchen wir einen Paradigmenwechsel: Das Gesundheitssystem soll nicht nur zur Gesundheit der Bürger beitragen, es ist auch ein wichtiger Wirtschaftsbereich, der Innovation und Arbeitsplätze bedeutet und in den investiert werden muss. Und dass Gesundheit in einer Gesellschaft, die größer, älter und damit versorgungsintensiver wird, zunehmend mehr und nicht weniger kosten kann – will man das Niveau halten und an die neuen medizinischen Möglichkeiten anpassen – ist klar.

Privatisierungen im Gesundheitssystem sind hier nicht die Lösung – Investoren stehen zwar Schlange, doch ist der Primat der Betriebswirtschaft in der Krankenbetreuung alles andere als wünschenswert. Und wie sich die geplanten Kassen-Zusammenlegungen in der Versorgungsrealität der österreichischen Regionen auswirken werden, sollten sie tatsächlich umgesetzt werden, wird man sehen.

All das gilt es aufmerksam zu beobachten, und für die von der WHO anvisierte „flächendeckenden Gesundheitsversorgung“ gilt es gesellschaftlich und politisch zu kämpfen, wenn immer nötig. Wir werden diese in Zukunft nicht geschenkt bekommen. Der Weltgesundheitstag 2018 bietet einen guten Anlass, daran zu erinnern.

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