Die ärztliche Hausapotheke und ihre Feinde

Auf den Punkt gebracht: Österreich braucht deutlich mehr ärztliche Hausapotheken und ein duales System in ländlichen Regionen, und die  Liberalisierungs-Vorschläge der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) sollten im Interesse der Medikamentenversorgung zügig politisch umgesetzt werden

Das Lamentieren der Apothekerkammer über die berechtigte Forderung nach mehr ärztlichen Hausapotheken, zuletzt heute in einer eigens einberufenen Pressekonferenz,  macht eines überdeutlich: Hier geht es einer Standesvertretung offensichtlich nicht um die bestmögliche Patientenversorgung, sondern primär um finanzielle Eigeninteressen. Auf der Pressekonferenz beklagten führende Funktionäre, dass vor allem außerhalb der Ballungszentren der Fortbestand vieler Apotheken und damit die Arzneimittel-Versorgung zunehmend gefährdet sei. Der aktuelle Bericht der BWB, der sich sehr klar für eine Liberalisierung und mehr ärztliche Hausapotheken ausspricht, drohe diese Situation noch zu verschärfen, argumentierte die Apothekerkammer.

Das ist jedoch eine rein betriebswirtschaftliche Argumentation, für die Patientenversorgung gilt genau das Gegenteil. Ärztliche Hausapotheken sind überall sinnvoll, weil Patienten beim niedergelassenen Arzt alles aus einer Hand bekommen und sich oft unnötige Wege ersparen. Ganz besonders gilt das aber in entlegenen Regionen im ländlichen Raum, wo es nur wenige öffentliche Apotheken gibt. Hier sind ärztliche Hausapotheken die richtige und einfache Lösung für ein zunehmendes Versorgungsproblem. Leider gibt es davon viel zu wenige.

Versorgungslücken füllen

In Österreich wurden in den vergangenen zehn Jahren 155 öffentliche Apotheken neu eröffnet, jedoch gingen in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als 100 ärztliche Hausapotheken verloren – heute gibt es nur noch rund 840. Da sich öffentliche Apotheken vorzugsweise in vergleichsweise dicht besiedelten und deshalb potenziell profitablen Standorten niederlassen, geht diese Entwicklung voll auf Kosten der ländlichen Bevölkerung, und dort ganz besonders der älteren und kranken Menschen. Hier können ärztliche Hausapotheken die Versorgungslücken am besten füllen. Außerdem kommen hier neben dem Serviceaspekt auch ökologische Gesichtspunkte zum Tragen, weil der Straßenverkehr mit Millionen Kilometer pro Jahr weniger belastet wird, wenn man Medikamente auch beim Arzt beziehen kann, und nicht extra zur nächsten öffentlichen Apotheke fahren muss.

Doch offensichtlich fühlt sich die in den vergangenen Jahren rasch gewachsene Apothekenbranche inzwischen nicht zuletzt aufgrund zahlreicher neuer Apotheken auch an unprofitablen ländlichen Standorten in Bedrängnis, und wehrt sich mit Nachdruck gegen die grundvernünftige Forderung nach einem liberaleren Apothekenmarkt und mehr Hausapotheken.

Patientenversorgung in den Mittelpunkt stellen

Jetzt attestiert mit der BWB eine unabhängige Behörde der Ärztevertretung, dass unsere Forderung nach mehr Hausapotheken ebenso berechtigt ist wie unsere Warnung vor einer Verschlechterung der ärztlichen und medikamentösen Versorgung in ländlichen Regionen. Es ist zu hoffen, dass die Apothekerkammer ihren Widerstand gegen liberalere Lösungen endlich einstellt und die Patientenversorgung in den Mittelpunkt stellt. Das bedeutet ein duales System in ländlichen Regionen, aber insgesamt ein neues, an unsere Zeit und ihre Bedürfnisse angepasstes Apothekengesetz.

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