Neue Studie vergleicht Gesundheitsausgaben in D-A-CH: Klarer Nachholbedarf für Österreich!

Ich bin sehr froh über diese neue Studie, weil sie einen nüchternen und sachlichen Vergleich zwischen Österreich und unseren beiden Nachbarländern ermöglicht.(https://www.wu.ac.at/fb/news). Wir brauchen dringend solche präzisen und belastbaren Zahlen als Grundlage für sinnvolle gesundheitspolitische Entscheidungen. Hier appelliere ich auch an die künftige Bundesregierung, sich in der Gesundheitspolitik von seriösen Zahlen und harten Fakten leiten zu lassen, und nicht von Vorurteilen und Ideologien.

Welche Konsequenzen ergeben sich also aus der Sicht der Ärzteschaft aus den vorgestellten Studienergebnissen?

Ärztemangel verschärft sich von Jahr zu Jahr

Beim Ärztebedarf wurde über viele Jahre in den OECD-Statistiken mit Zahlen operiert, die keinen tragfähigen internationalen Vergleich ermöglichten. Das führte zu dem verbreiteten Fehlurteil, wir hätten – trotz aller von den Patienten erlebbaren Versorgungsengpässe – keine Ärzteknappheit, sondern bloß ein „Verteilungsproblem“. Dieser Irrtum ist eine der Ursachen von vielen gesundheits- und bildungspolitischen Versäumnissen der vergangenen Jahrzehnte.

Heute haben wir in Österreich die höchste Alters-Konzentration bei Ärztinnen und Ärzten mit einem Lebensalter von 56-58 Jahren. In 10 Jahren werden bereits 37,9 Prozent aller Ärzte, in absoluten Zahlen sind das 14.449 Ärzte, dieses Alter erreicht haben. Somit gehen jedes Jahr Stellen verloren, die bei weitem nicht mit jungen Ärztinnen und Ärzten nachbesetzt werden können, weil die Entwicklung der Ärztezahlen insgesamt deutlich rückläufig ist.

Den mittelfristigen jährlichen Nachbesetzungsbedarf haben wir mit mindestens 1.450 Ärztinnen und Ärzten pro Jahr errechnet. Das ist die Anzahl zusätzlicher Ärzte, die wir zur Aufrechterhaltung des Status quo benötigen, um die pensionsbedingten Abgänge zu kompensieren. Allerdings sind wir weit davon entfernt, diesen Bedarf decken zu können: An den öffentlichen und privaten Universitäten gibt es jährlich etwa 1.400 Absolventen für Humanmedizin, und wir wissen, dass etwa 40 Prozent davon nicht in Österreich als Ärzte arbeiten werden. Es gibt also ein reales Potenzial von etwa 840 Absolventen pro Jahr, und das sind um 610 zu wenig, um den Bedarf zu decken. Die Privatuniversitäten werden aus heutiger Sicht auch in Zukunft diese Differenz nicht kompensieren können, weil diese keine Quoten für Ausländer haben.

Hier ist nicht nur die Gesundheitspolitik gefordert, sondern auch die Bildungspolitik und die Spitäler.

Es muss bereits bei der Ausbildung angesetzt werden. Dazu gehören neben einem Ausbau der Basisausbildungsstellen auch Ausbildungskoordinatoren in allen Krankenhäusern. Außerdem muss die Allgemeinmedizin in Spitälern strukturell verankert werden.

Rezepte gegen den perspektivischen Ärztemangel sind bekannt: Man kann die Zahl der Medizinstudenten erhöhen. Und/oder Landarztstipendien vergeben: wer eines bekommt, verpflichtet sich, nach Abschluss des Studiums einige Jahre in der jeweiligen Region zu arbeiten. Außerdem können Spitäler Stipendien vergeben, wenn Studierende nach dem Studium eine zeitlang dort arbeiten – in Deutschland gibt es das bereits.

Das Land Niederösterreich hat für Absolventen der Humanmedizin an der Universität Krems einen Kreditzuschuss für den Fall vorgesehen, dass die AbsolventInnen in einer Krankenanstalt des Landes Niederösterreich oder als niedergelassene ÄrztInnen für die Dauer der Kreditrückzahlung in Niederösterreich tätig sind.

Und schließlich können Jungärzte von ländlichen Regionen mit Geld und attraktiven Zusatzleistungen geködert werden.

Wie immer man im Einzelnen dazu steht, die Politik wird sich entscheiden müssen.

Zentral ist allerdings, die Rahmenbedingungen der ärztlichen Tätigkeit in Österreich so attraktiv zu gestalten, dass Jungärzte nicht abwandern. Hier geht es nicht nur um entsprechende Honorare, sondern auch um flexible Verträge und Arbeitsbedingungen, die den jeweiligen individuellen Vorstellungen entsprechen. Der Trend zur Gruppenpraxis, sowohl innerhalb eines Fachs als auch fächerübergreifend, ist hier unübersehbar und auch für die Versorgung der Zukunft besonders wichtig.

Was die ärztliche Tätigkeit betrifft, stehen heute Länder und Gesundheitssysteme in einem internationalen Wettbewerb. Österreich darf nicht hinter das Niveau anderer Länder zurückfallen, wenn man Absolventen im Land behalten und für Ärzte aus anderen Ländern attraktiv werden möchte.

Niedergelassener Versorgungsbereich in Österreich abgeschlagen

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen auch sehr deutlich auf, dass in Österreich der niedergelassene Versorgungsbereich im Dreiländervergleich besonders stark hinter den Krankenhausbereich zurückfällt, der für 44 Prozent aller Gesundheitsausgaben verantwortlich ist. Tatsächlich könnten viele Leistungen, die jetzt in Spitälern erbracht werden, auch von niedergelassenen Ärzten wahrgenommen werden. Das ist nicht nur für das Gesundheitssystem preiswerter, sondern auch patientenfreundlicher, weil eine wohnortnahe Versorgung in der Arztpraxis oft der „Best point of service“ ist.

Dazu ist es allerdings erforderlich, dass im niedergelassenen Bereich die ärztlichen Kapazitäten zur Verfügung stehen. Damit künftig mehr Leistungen im niedergelassenen Bereich angeboten werden können, muss der niedergelassene ärztliche Bereich zügig und massiv ausgebaut werden und es ist eine Ausweitung des Leistungsspektrums in der Kassenmedizin erforderlich. Ich wiederhole an dieser Stelle unsere Forderung nach 1.300 zusätzlichen Kassenärzten. Unabhängig von tatsächlich realisierten Einsparungen oder Mehrkosten durch die Schaffung der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) erinnere ich an die von der Politik angekündigte Patientenmilliarde.

Aufholbedarf der öffentlichen Gesundheitsausgaben in Österreich

Der Dreiländervergleich zeigt aber auch, dass in Österreich die Gesundheitsausgaben mit 10,33 Prozent des BIP gegenüber Deutschland (11,23) und der Schweiz (12,18 Prozent) zurückfallen. Wir fordern deshalb von der nächsten Bundesregierung eine Anhebung der Ausgaben für das Gesundheitswesen auf 12 Prozent des BIP, damit unser Gesundheitssystem mit dem der beiden Nachbarländer schritthalten kann und nicht zurückfällt.

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