Primärversorgung: Anmerkungen zum Wiener Modell

Auf Facebook wird viel pro und contra PHC diskutiert. Manche einer schmückt sich mit Erfolgen, die er sich oder seiner Fraktion zuschreibt. Ich denke, man sollte sich hier besser an den Fakten orientieren.

Tatsächlich befindet sich der niedergelassene Bereich, genauso wie das gesamte Gesundheitssystem, in einem Umbruch. Das resultiert aus dem einfachen Grund, dass sich auch unsere gesamte Gesellschaft in Entwicklung befindet. Es entstehen neue Ansprüche, aber auch neue Vorstellungen über Qualität und natürlich beeinflussen uns auch neue Möglichkeiten der Technik und der Medizin. Um die Situation weiter zu verkomplizieren, gibt es schon seit über einem Jahrzehnt den Versuch der Sozialversicherung, im Gesundheitssystem die absolute Macht an sich zu reißen und Ärztinnen und Ärzte zu Facharbeitern zu degradieren. Diesen Anspruch erhebt die SV, obwohl sie über weite Strecken hochgradige Finanzierungsdefizite aufweist.

In diese Situation ist die Diskussion um PVE – wie sie jetzt heißen – eingebettet. Für uns Ärztinnen und Ärzte stellt sich hier die Aufgabe, uns richtig zu positionieren. Wir müssen also den Weg der jungen Kolleginnen und Kollegen in die Niederlassung ermöglichen, die allerdings bei dieser Entscheidung zunehmend Zurückhaltung üben. Und wir müssen darauf achten, dass der exzellent funktionierende Teil der Versorgung nicht von wildgewordenen Bürokraten zerstört wird: Das bedeutet Sicherung der Einzelordinationen und bisherigen Gruppenpraxen.

Das Bemühen um diese Sicherung hat auch gezeigt, dass trotz der Erfolge, die wir bereits erringen konnten und für die wir uns auch in Zukunft maximal einsetzen werden, das finanzielle Potential der SV für die kommenden Jahre nicht als sicher zu bewerten ist. Abgesehen von regionalen Situationen wie zu wenig Einzahlern oder zu hohen sozialen Ausgaben hat die SV ein Strukturproblem, das sie seit Jahren sträflicher Weise nicht zu korrigieren versucht: Erstens ist der Hebesatz (Arbeitnehmeranteil bei Pensionisten, den der Staat bezahlt) extrem ungleich zwischen ASVG-, Selbstständigen- und Bauern-Versicherten verteilt – hier hinken die ASVG-Versicherten ungemein hinten nach. Und zweitens die  versicherungsfremden Leistungen.

Daher unsere Verhandlungen mit dem Land, hier zusätzliche Gelder für den niedergelassenen Bereich zu bekommen. Mancher wird fragen, wieso vom Land? Weil das Land die tatsächliche Endverantwortung für die Versorgung trägt. Die SV ist nur ein Inkasso- und Verwaltungsbüro, und sonst gar nichts. Daher war es nur schlüssig, sich an den Endverantwortlichen zu wenden um neue Finanzierungstöpfe für die Ärzte zu erschließen.

Um es noch einmal klar zu stellen: Hier geht es nicht um eine Subvention,  oder wie immer das bereits bezeichnet wurde, sondern um das Erschließen zusätzlicher Finanzierungmittel in Anbetracht der geringen Finanzressourcen der SV.

In der Kurie wurde daher mit klarer Mehrheit beschlossen, zwei Modellprojekte im PVE-Bereich mit zu gestalten unter den Grundvoraussetzungen, dass sich die PVE-Projekte im Gesamtvertrag befinden und dass selbstverständlich das Eigentum und die Führung bei den betreibenden Ärzten liegen. Die Finanzierung beschränkt sich auf 5 Jahre und erfolgt von SV und Land.

In dieser Situation wurden in der Kurie Modelle entwickelt, diese Möglichkeit auch bereits bestehenden Einzelordinationen und Gruppenpraxen zugänglich zu machen. Daraus entstand das „Wiener Modell“, in dem eine modulare Ausgestaltung auf freiwilliger Basis gegeben war. Später sollte daraus ein Gesamtstandard im Bereich der niedergelassenen Allgemeinmedizin entstehen.

Das Land Wien war bereit, dafür 10 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung zu stellen. Unglaublicher Weise hat jedoch die Obfrau der WGKK diese Lösung abgelehnt (also eine Lösung, für die die WGKK nicht mehr Geld hätte aufwenden müssen), da sie offensichtlich Konzerne und Fremdfinanziers als Betreiber von Zentren bevorzugt. So wie sie sich auch ausschließlich zu Zentren bekennt und der Einzelordination den Kampf ansagt.

Ich bin überzeugt, dass es für die Zukunft wichtig ist, PatientInnen die gesamte Möglichkeit der Niederlassung anzubieten. Wir müssen das Gute weiter bewahren, also die Einzelordination und die Gruppenpraxis, aber auch PVE-Lösungen mitgestalten – allerdings alle Lösungen nur unter Führung von Ärzten und innerhalb des Gesamtvertrages. Wir sind nicht die Verhinderer im System, wie man so oft aus SV-Kreisen hört. Sondern wir denken nur mehr und intensiver darüber nach, was für Patienten nützlich ist, wir folgen nicht blind einer Ideologie, sondern setzen Werte und Erkenntnisse um.

Diese Entwicklungen im PVE-Bereich sind auch für die KollegInnen im stationären Bereich von hoher Bedeutung, denn nicht eine ideologisch (DDR 2.0) motivierte Planung wird die Spitäler entlasten. Sondern nur ein mit medizinischer Qualifikation entwickeltes System kann die PatientInnen so versorgen, dass im niedergelassenen Bereich das Potential umgesetzt wird, das zur spitalsentlastenden Patientenversorgung notwendig ist.

Ich hoffe, dass die manchmal sehr emotional und einseitig geführte Diskussion wieder etwas mehr in einen faktischen und strategischen Weg einschwenkt. Nicht Polarisierung hilft uns, sondern nur das konstruktive Miteinander.

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