Neue Statistik Austria-Zahlen zeigen: Keine Spur von Kostenexplosion, bei Gesundheitsausgaben Luft nach Oben, Potenziale für Investitionen in ambulante Versorgung

Man erinnert sich noch an den „Kostendämpfungspfad“ früherer Bundesregierungen, an den Vorwurf der angeblich mangelhaften Effizienz unseres angeblich überteuerten Gesundheitssystems, an die Warnung vor Kostenexplosionen bei den Gesundheitsausgaben, etc. Je nach weltanschaulicher oder wirtschaftspolitischer Herkunft der kritisierenden Institution oder Person lagen die Lösungsvorschläge schwerpunktartig beim Einsparen, bei der Perspektive des Privatisierens, beim bürokratischen Planen, beim Setzen auf Primärversorgungszentren usw. usf.

Ein Blick auf die neuesten,  dieser Tage veröffentlichten Zahlen der Statistik Austria sprechen freilich eine völlig andere Sprache: „Die laufenden Gesundheitsausgaben einschließlich der Ausgaben für Langzeitpflege stiegen in Österreich im Jahr 2016 leicht auf 10,4%  (2015: 10,3%) des Bruttoinlandsprodukts (BIP)“, heißt es dort. Insgesamt betrugen 2016 die Ausgaben für Gesundheitsleistungen und -güter laut Statistik Austria 36.876 Mio. Euro. „Im Vergleich zu 2015 erhöhten sich die Gesundheitsausgaben nominell (zu laufenden Preisen) um 1.245 Mio. Euro.“

Platz 10 bei den OECD-Staaten

Von Kostenexplosion also keine Spur, auch nicht im internationalen Vergleich. Bei den OECD-Staaten nehmen wir  in der Kategorie „laufende Gesundheitsausgaben als Anteil am BIP“ mit 10,4 Prozent den 10. Platz ein, somit liegen wir nahezu gleichauf mit Belgien und Dänemark und im oberen Mittelfeld der 35 OECD-Mitgliedstaaten. Angeführt wird der OECD-Vergleich erneut von den USA mit laufenden Gesundheitsausgaben in der Höhe von 17,2 Prozent des BIP, gefolgt von der Schweiz mit 12,4 Prozent und Deutschland mit 11,3 Prozent.

Ein Viertel der Gesundheitsausgaben für ambulante Leistungen

Lohnend ist auch ein Blick auf das Thema, wohin die eingesetzten Gelder genau fließen: „Für stationäre Leistungen (inkl. tagesklinischer Fälle) in Krankenanstalten, Kur- und Pflegeheimen sowie Rehabilitationseinrichtungen wurden 2016 öffentliche und private Mittel in Höhe von 15.309 Mio. Euro bzw. 41,5 Prozent aller laufenden Gesundheitsausgaben ausgegeben. 9.259 Mio. Euro und somit rund ein Viertel der laufenden Gesundheitsausgaben wurden für ambulante Leistungen verwendet“, heißt es dazu für Österreich.

Das zeigt zum einen, dass die österreichischen Gesundheitsausgeben noch deutlich Luft nach oben haben. Es ist nicht plausibel, dass Österreich 10,4 Prozent des BIP für Gesundheitsausgeben verwendet, und nicht  11,3 Prozent wie Deutschland oder 12,4 Prozent wie die Schweiz – insgesamt durchaus vergleichbare Nachbarländer.

Mit dem Verschieben von Leistungen in den ambulanten Bereich Ernst machen

Dass nur ein Viertel der Gesundheitsausgaben für ambulante Leistungen verwendet wird, zeigt ebenso zusätzliche Potenziale auf. Ambulante Leistungen gelten als weit kostengünstiger als stationäre, und mit dem Verschieben von Leistungen in den ambulanten Bereich sollte endlich Ernst gemacht werden. Verwendungszwecke für solche Geldmittel gibt es viele, zum Beispiel die dringend benötigten 1.300 zusätzlichen Kassenarztpraxen, das Attraktivieren der niedergelassenen Allgemeinmedizin, bessere Rahmenbedingungen für Landärzte, den Ausbau von Mangelfächern, das überfällige Anpassen von Kassenhonoraren, etc.

Allerdings müsste sich die Politik vom überholten Credo verabschieden, dass Sparen im Gesundheitssystem etwas per se Tugendvolles sei. Angesichts wachsender und älter werdender Gesellschaften, damit intensiverem medizinischem Betreuungsbedarf und teueren modernen Behandlungsmethoden soll man durchaus kostenbewusst vorgehen – Einsparen jedoch führte direkt in die Mangelversorgung und ist schlicht keine Option.

 

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