Versorgungskrise auf dem Land spitzt sich zu. Duales System mit mehr ärztlichen Hausapotheken soll Situation verbessern.

Die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen gerät immer mehr unter Druck und wir steuern, wenn hier nichts Wirksames passiert, geradewegs auf eine Versorgungskrise zu. Die Weichen müssen dringend neu gestellt werden. Zu diesem Thema habe ich heute gemeinsam mit Silvester Hutgrabner, dem Hausapothekenreferenten der ÖÄK, aus aktuellem Anlass auf einer Pressekonferenz gesprochen.

Eine zentrale Ursache dieser Entwicklung ist, dass die Gründungen neuer öffentlicher Apotheken in ländlichen Regionen zu einem Zusperren von ärztlichen Hausapotheken führen. Es gibt davon heute um über hundert 100 weniger, als noch vor 20 Jahren. Allein in den Jahren 2009-2018 wurden in Österreich 155 öffentliche Apotheken neu eröffnet, jedoch 62 ärztliche Hausapotheken geschlossen. Das Apothekengesetz schreibt nämlich vor, dass in Gemeinden ärztliche Hausapotheken zusperren müssen, wenn ihr Abstand zur neu gegründeten öffentlichen Apotheke weniger als vier Kilometer beträgt.

Und hier tritt oft ein fataler Prozess in Kraft. Viele der auf dem Land neueröffneten Apotheken geraten, nachdem sie ärztliche Hausapotheken verdrängt haben, selbst in wirtschaftliche Bedrängnis und sind vom Zusperren bedroht. Weil es dann in der Gemeinde keine Kassenarzt-Praxis mit Hausapotheke mehr gibt, wandern Ärzte häufig ab und es wird es noch schwieriger, einen niederlassungswilligen Nachfolger zu finden. Wenn aber niemanden mehr Medikamente verschreibt, kann sie auch niemand mehr verkaufen – zum Nachteil auch der Apotheke. Diese Negativspirale dreht sich, in unterschiedlichem Tempo, gegenwärtig in sehr vielen ländlichen Regionen. Das Nachsehen haben die Bewohner, und ganz besonders kranke, immobile und alte Menschen. Hier dürfen Gesundheitspolitik und Gesetzgeber nicht länger tatenlos zusehen.

Aktuelle Umfrage: Bevölkerung schätzt ärztliche Hausapotheken

Dass die Bevölkerung Hausapotheken sehr schätzt, zeigte zuletzt eine vergangene Woche von OGM durchgeführte Befragung von 1.500 Personen, die in der ORF-Sendung Konkret vorgestellt wurde. Demnach halten 64 Prozent der Befragten Hausapotheken für sinnvoll und nur 19 Prozent für nicht sinnvoll.

Apothekengründungen in kleineren Gemeinden verdrängen ärztliche Hausapotheken

In Österreich gibt es derzeit 1.438 von Apothekern geführte Apotheken, und 794 ärztliche Hausapotheken. In Gemeinden mit bis zu 5.000 Einwohnern wurde und wird die ärztliche und pharmazeutische Versorgung überwiegend durch Allgemeinmediziner mit ärztlicher Hausapotheke wahrgenommen. Fast jede zweite der neuen öffentlichen Apotheken wurden 2009-2018 in Gemeinden mit 1.000 bis 5.000 Einwohnern eröffnet. Ganz besonders dort kam es durch die Neueröffnungen zu einer Verdrängung bestehender ärztlicher Hausapotheken. Diese Entwicklung verschärft einen negativen Trend: Denn unversorgte Gemeinden liegen sehr oft in ländlichen Regionen. 61 Prozent der Gemeinden ohne Haus- oder öffentliche Apotheke und 66 Prozent der Gemeinden ohne Kassenarzt liegen auf dem Land.

Geeignete Maßnahmen gegen das Hausapotheken-Sterben und dessen negative Auswirkungen

Der Trend zum Hausapotheken-Sterben und dessen negative Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung ist äußerst alarmierend und muss unbedingt gestoppt werden. Dafür muss eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt werden:

  • Erstrebenswert im Sinne einer besseren Arzneimittelversorgung ist ein duales System, also ein kundenfreundliches Neben- und Miteinander von öffentlichen Apotheken und ärztlichen Hausapotheken.
  • Das Apothekengesetz muss völlig überarbeitet und zeitgemäß angepasst und liberalisiert werden.
  • Der strenge Gebietsschutz für öffentliche Apotheken sei ein Anachronismus auf Kosten der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Er gehöre im Sinne eines fairen und versorgungsorientierten Wettbewerbs abgeschafft.
  • Die im Apothekengesetz festgeschriebenen Mindestentfernungen zwischen ärztlichen Hausapotheken und öffentlichen Apotheken, wonach andernfalls Hausapotheken zusperren müssen, sind ersatzlos zu streichen.

Wir unterstützen im Wesentlichen die Empfehlungen der Bundeswettbewerbsbehörde zu einer Liberalisierung des Medikamentenverkaufs und einer Lösung, die den heutigen Strukturen gerecht wird. Maßstab für allfällige Regelungen muss der reale Bedarf der Bevölkerung sein, und nicht das wirtschaftliche Interesse der Apothekenbranche.

 

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